Sieben Seiten der Wahrheit – Elliot Perlman

Die erzählte Geschichte dreht sich um ein „Schlüsselereignis“. Simon, arbeitsloser Lehrer und sensibler, weltverdrossener und hochintelligenter aber depressiver Verzweiflungstrinker entführt für ein paar Stunden den Sohn seiner Ex-Freundin. Diese Ex-Freundin hat er seit nunmehr 10 Jahren nicht mehr gesehen und auf seine hochsensible und teilweise psychopathologische Art idealisiert er sie immer noch. Seine unverloschene Liebe zu ihr steht im Mittelpunkt seines Leidens.

In dem Roman werden sieben verschiedene Perspektiven dargestellt im Zuge derer der Plot geschickt vorangetrieben wird. Das heißt, es wird nicht ein und derselbe Zeitraum aus verschiedenen Perspektiven beschrieben, sondern die Handlung nimmt ihren Lauf während gleichzeitig Einblicke in die Vergangenheit und die psychologisch/soziale Struktur der handelnden Personen offenbart werden.

Einen Protagonisten kann man trotzdem ganz klar ausmachen. Das ist Simon. Der sensible Intellektuelle, der an der Welt verzweifelt. Wenn man mit Simons Art zu denken und die Welt zu sehen, etwas anfangen kann (so wie ich), gerät man zum Teil in Gefahr, ihn als Mensch so zu idealisieren, wie er es mit Anna (seiner Ex) tut. Während der Kapitel, in denen er selbst oder Angela (die ihn unerwiderterweise verehrt und liebt) zu Wort kommen, ist man als Leser versucht, ihn als (Anti-)Held zu verehren und als Opfer der bösen, ihn nicht verstehenden Welt ins Herz zu schließen.

Trotzdem oder gerade deswegen, ist es spannend, wie Perlman es schafft, seinem Protagonisten etwas von diesem hochidealisierten Glanz zu nehmen, indem er die Perspektive nur teilweise beteiligter „Dritter“ präsentiert. Am Ende ist Simon nur mehr ein Mensch. Ein charismatischer, hochintelligenter und sensibler Mensch zwar. Einer, von denen man sich wünscht, es gäbe mehr davon. Aber auch einer, der die vielzitierten Ecken und Kanten aufweist. Einer, der das Leben anderer (wenn auch nicht primär willentlich) negativ beeinflusst. Einer, den man trotzdem gern hat. Und nicht mehr uneingeschränkt deswegen.

Elliot Perlman rangiert in der Liste meiner Lieblingsautoren derzeit auf einem der ersten drei Plätze. Er ist nicht einfach ein Romanautor. Er schreibt nicht einfach Geschichten. Er schreibt Geschichte. Und Politik. Und Psychologie und Philosophie. Er verpackt diese Themen in umfangreiche Plots, die an Spannung schwer zu überbieten sind und formuliert dieses hochintelligente Gesamtpacket literarische erstklassig!

All das hat er schon bei seinem Roman „Tonspuren“ gemacht. „Sieben Seiten der Wahrheit“ erschien vor „Tonspuren“ und wurde von den meisten Kritikern zwar gelobt aber im Vergleich zum Vorgänger, den ich hier gerade rezensiere, in den Schatten gestellt. Abschließend muss ich sagen, für meinen Geschmack ist „Tonspuren“ unübetroffen – dennoch ist „Sieben Seiten der Wahrheit“ aus so vielen Gründen ein sensationelles Werk. Vielschichtig und intelligent.

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